Fünftausend Beschäftigte, ein Konzern weniger

Mecklenburg-Vorpommern hat die ersten 5.000 Beschäftigten seiner Landesverwaltung von Microsoft SharePoint auf Nextcloud umgestellt, eine quelloffene Plattform für Dateiablage und Zusammenarbeit, deren Quellcode öffentlich einsehbar ist und die, anders als SharePoint, nicht zwingend bei einem einzelnen Konzern liegen muss. In diesem Fall liegt sie überhaupt nicht extern: Betrieben wird sie von der DVZ M-V GmbH, dem landeseigenen IT-Dienstleister, auf eigener Infrastruktur des Landes. Kein Rechenzentrum von Microsoft, kein externer Cloud-Anbieter, sondern Server, die dem Land selbst gehören und die es selbst kontrolliert.

Laut der Pressemitteilung des Ministeriums für Finanzen und Digitalisierung vom 3. Juli 2026 verlief der Umstieg „schrittweise und ohne Reibungs- und Datenverluste”. Finanzminister Dr. Heiko Geue formuliert es als politisches Ziel: Digitale Souveränität und Open Source seien zentrale Bausteine der Digitalisierungspolitik des Landes, die Open-Source-Nutzung solle kontinuierlich ausgebaut werden. CIO Marco Anschütz ergänzt, der Umstieg werde „schrittweise erweitert”. Und das ist keine Ankündigung für die ferne Zukunft, sondern ein konkretes Ziel mit Zahl: Mittelfristig sollen über 50.000 Arbeitsplätze im gesamten öffentlichen Dienst folgen, von den Ministerien bis in die Kommunen. Die Plattform soll dabei um Chat, Videokonferenzen und Groupware-Funktionen erweitert werden, also um genau die Werkzeuge, für die Unternehmen heute reflexhaft zu Microsoft Teams oder Google Workspace greifen.

Der Cloud Act, oder: wem gehört eigentlich dein Schlüssel

Warum tut ein Bundesland sich das an? Die Antwort, die in der internationalen Berichterstattung immer wieder auftaucht, hat einen Namen: der US Cloud Act. Dieses US-Gesetz verpflichtet amerikanische Unternehmen, US-Behörden unter bestimmten Voraussetzungen Zugriff auf Daten zu gewähren, die sie verwalten, und zwar unabhängig davon, wo auf der Welt der Server physisch steht. Ob deine Daten in Frankfurt, Dublin oder Virginia liegen, spielt keine Rolle, wenn der Anbieter ein US-Unternehmen ist oder einem unterliegt. Stell dir vor, du gibst einem Schlüsseldienst einen Nachschlüssel für deine Haustür, weil das praktisch ist, falls du dich mal aussperrst. Jetzt stell dir vor, dieser Schlüsseldienst kann per Gesetz seines Heimatlandes gezwungen werden, diesen Nachschlüssel an eine ausländische Behörde weiterzugeben, ganz gleich, wo dein Haus tatsächlich steht und was das Recht in deinem eigenen Land dazu sagt. Genau das ist die Konstruktion, vor der IT-Verantwortliche in Behörden und Unternehmen inzwischen zurückschrecken, und genau deshalb reicht ein europäischer Serverstandort allein nicht aus, solange der Betreiber dem US-Recht unterliegt.

Eine selbst betriebene Nextcloud-Instanz wie die der DVZ M-V GmbH unterliegt diesem Zugriffsrisiko nicht in derselben Weise, weil weder die Server noch die Betreiberfirma der US-Jurisdiktion unterstehen. Das ist der eigentliche Kern der Geschichte: Es geht nicht in erster Linie darum, ob eine Software etwas kostet oder wie hübsch ihre Oberfläche ist. Es geht darum, wer am Ende entscheidet, wer auf deine Daten zugreifen darf.

Ehrlich bleiben: Windows steht noch im Büro

Und jetzt der Teil, den reißerische Schlagzeilen gerne unterschlagen. Heise titelte „Mecklenburg-Vorpommern verabschiedet sich von Microsoft”, was in der Wucht der Aussage übertreibt. Windows-Arbeitsplätze bleiben im Land vorerst im Einsatz, ebenso weitere Microsoft-Produkte. Ersetzt wurde bislang SharePoint, sonst nichts Konkretes angekündigt. Treffender wäre also: Mecklenburg-Vorpommern verabschiedet sich von Microsoft SharePoint. Ein wichtiger, aber eben ein einzelner Baustein, nicht der komplette Umzug.

Ich sage das nicht, um die Sache kleinzureden, sondern weil genau diese Ehrlichkeit den Unterschied macht zwischen einer belastbaren Erfolgsgeschichte und einer PR-Nummer. Wenn ein Verein mich fragt, ob er nach dem Umstieg auf Nextcloud sofort komplett unabhängig von US-Konzernen ist, sage ich auch nein. Der erste Schritt ist der wichtigste, aber er ist selten der letzte. Was zählt, ist die Richtung, nicht die Behauptung, man sei schon am Ziel.

Lea spricht Französisch und Lettisch, nicht nur Englisch aus Kalifornien

Parallel zur Nextcloud-Migration hat das Land einen eigenen KI-Chatbot für die Verwaltung entwickelt, genannt „Lea”, aufgebaut auf der quelloffenen Oberfläche OpenWebUI. Bemerkenswert ist, worauf Mecklenburg-Vorpommern dabei bewusst verzichtet: auf die üblichen US-Hyperscaler wie Microsoft, OpenAI, Google oder Amazon. Stattdessen kommen laut Medienberichten europäische Sprachmodelle zum Einsatz, eines aus Frankreich (Mistral), eines aus Lettland (Tilde). Für Verwaltungsangaben, die naturgemäß sensible Daten von Bürger*innen enthalten können, ist das kein Nebendetail, sondern dieselbe Souveränitätslogik wie bei der Nextcloud-Entscheidung, nur eben auf KI übertragen: Wer das Modell betreibt, entscheidet mit, wer im Zweifel Zugriff auf die Anfragen hat.

Für Projektmanagement setzt das Land außerdem auf die Open-Source-Software OpenProject statt auf ein proprietäres Werkzeug aus den USA. Auch das ist ein kleiner Baustein, aber er zeigt, dass es hier nicht um eine einzelne symbolische Entscheidung geht, sondern um ein Muster, das sich durch mehrere Bereiche der Verwaltung zieht.

Was das für deinen Verein oder dein Unternehmen bedeutet

Jetzt zu dem Teil, der eigentlich der wichtigste ist, wenn du kein Bundesland, sondern einen Verein, eine Kanzlei oder ein kleines Unternehmen leitest. Die Größenordnung mag dich abschrecken: 5.000 Beschäftigte, ein eigener IT-Dienstleister, eine ganze Landesregierung im Rücken. Aber genau das ist die falsche Lehre aus dieser Geschichte. Die richtige Lehre ist: Wenn eine Landesverwaltung mit ihrer typischen Behäbigkeit und ihren Datenschutzanforderungen einen solchen Umstieg ohne, wie es in der Pressemitteilung heißt, „Reibungs- und Datenverluste” hinbekommt, dann ist die Ausrede „das geht bei uns nicht” für einen zehnköpfigen Verein oder ein mittelständisches Unternehmen erst recht keine.

Der technische Unterschied zwischen einer Nextcloud-Instanz für 5.000 Landesbeschäftigte und einer für einen Kegelclub oder ein Architekturbüro ist vor allem eine Frage der Skalierung, nicht des Prinzips. Dieselbe Software, dieselbe Logik, dasselbe Cloud-Act-Argument. Der Unterschied ist nur, dass ein Verein oder ein kleines Unternehmen sich nicht erst eine DVZ M-V GmbH aufbauen muss. Es gibt fertige, gehostete Nextcloud-Angebote europäischer Anbieter, und es gibt die Möglichkeit, sich beim Aufbau einer eigenen, selbst kontrollierten Lösung beraten zu lassen. Was in Schwerin auf Landesebene funktioniert, funktioniert im Kleinen genauso, oft sogar einfacher, weil weniger Sonderfälle und Altsysteme im Weg stehen.

Skalieren ist der eigentlich schwere Teil

Zur Ehrlichkeit gehört auch dieser Punkt: Sowohl The Register als auch itsfoss.com weisen darauf hin, dass die geplante Ausweitung von 5.000 auf über 50.000 Arbeitsplätze technisch deutlich anspruchsvoller wird als der erste Schritt, insbesondere auf kommunaler Ebene, wo viele Spezialanwendungen und historisch gewachsene IT-Landschaften aufeinandertreffen. Das ist kein Grund, das Projekt kleinzureden, aber ein Grund, in einem Jahr noch einmal genau hinzuschauen, was aus den 50.000 tatsächlich geworden ist. Mecklenburg-Vorpommern kooperiert dabei seit Herbst 2025 mit Schleswig-Holstein, das seinerseits ebenfalls auf Nextcloud setzt und parallel Zehntausende Arbeitsplätze zu LibreOffice migriert. Zwei Länder, die sich bei Infrastruktur und IT-Sicherheit abstimmen, teilen sich einen Teil des Aufwands, den ein einzelnes Land allein stemmen müsste. Auch das ist übertragbar: Wer den Umstieg nicht allein schaffen will, muss ihn auch nicht allein schaffen.

Zu Kosten und Vertragslaufzeiten der MV-Migration gibt es trotz meiner Recherche keine öffentlich zugänglichen Zahlen, auch die offizielle Pressemitteilung nennt keine. Das ist eine echte Lücke in der Berichterstattung, nicht meine Bequemlichkeit, sie hier auszulassen. Was Schleswig-Holstein an Lizenzkosten spart, über 15 Millionen Euro pro Jahr durch gekündigte Microsoft-Lizenzen, ist ein Wert, der ausdrücklich für Schleswig-Holstein gilt und sich nicht eins zu eins auf Mecklenburg-Vorpommern übertragen lässt. Ich nenne die Zahl trotzdem, weil sie zeigt, in welcher Größenordnung sich Einsparungen bei einem konsequenten Umstieg bewegen können, nicht als Versprechen für MV.

Der Beweis liegt jetzt auf dem Tisch

Die Ausrede, digitale Unabhängigkeit sei graue Theorie für Idealist*innen und in der Praxis unbezahlbar, wird mit jedem Monat schwerer zu halten. Mecklenburg-Vorpommern hat gezeigt, dass sich 5.000 Arbeitsplätze reibungslos umstellen lassen, und hat sich gleichzeitig ein ehrliches, überprüfbares Ziel für 50.000 weitere gesetzt. Es bleibt ein unvollständiger Umstieg, Windows steht weiter in den Büros, und ob die Ausweitung tatsächlich gelingt, wird sich erst zeigen. Aber der erste, größte Schritt, der Punkt, an dem die meisten Vereine und Unternehmen zögern, ist gemacht und dokumentiert. Wenn du beim nächsten Vorstandstreffen wieder den Satz hörst, das mit dem Ausstieg aus der US-Cloud mache doch in der Praxis niemand, hast du jetzt eine ganze Landesregierung als Gegenbeispiel.

Wenn du für deinen Verein oder dein Unternehmen wissen willst, wie so ein Umstieg auf eine selbst kontrollierte Nextcloud konkret aussehen kann, ohne dass du dafür eine eigene DVZ M-V GmbH brauchst: Genau dabei begleite ich dich.

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