Wer mich anruft, weil er endlich von Windows weg will, hat fast immer dieselbe Erwartung im Kopf: einmal umsteigen, und dann ist Ruhe. Kein Konzern mehr, der mitliest, kein Zwangsupdate, das den Rechner lahmlegt, keine Abhängigkeit mehr von einer einzigen Firma in Redmond. Ich muss diese Erwartung regelmäßig korrigieren. Digitale Unabhängigkeit ist kein Zustand, den du einmal erreichst und dann abhakst. Es ist eine Haltung, die weitergeht, auch dort, wo viele sie für überflüssig halten: mitten in der Linux-Welt.
Genau das zeigt gerade ein deutscher Hersteller, den ich Kund*innen oft empfehle. TUXEDO Computers aus Augsburg baut seit 2004 Notebooks und Desktops mit vorinstalliertem Linux. Am 7. Juli 2026 hat das Unternehmen angekündigt, die eigene Distribution TUXEDO OS von ihrer bisherigen Basis, Ubuntu LTS, komplett zu lösen und stattdessen dauerhaft auf Debian Testing umzusteigen. Der Grund ist nicht technische Verspieltheit. Der Grund ist Canonical, die Firma hinter Ubuntu, die genau die Zentralisierung betreibt, vor der ich seit Jahren warne, nur eben nicht bei Windows, sondern innerhalb der eigenen Linux-Familie.
Warum TUXEDO Ubuntu den Rücken kehrt
TUXEDO nennt in der eigenen Ankündigung zwei Gründe, einen technischen und einen strategischen.
Der technische: Ubuntu LTS altert während der Nutzungsdauer, und TUXEDO OS baut auf der KDE-Plasma-Oberfläche auf, die wiederum von aktuellen Qt-Bibliotheken abhängt. Je älter die Ubuntu-Basis wird, desto mühsamer wird es, neue Software auf sie zurückzuportieren. TUXEDO beschreibt das selbst so: Neuere Abhängigkeiten seien oft gar nicht verfügbar oder nur in veralteten Versionen. Wer schon einmal versucht hat, ein aktuelles Programm auf einem drei Jahre alten Betriebssystem zum Laufen zu bringen, kennt dieses Gefühl, ständig gegen die eigene Basis zu arbeiten statt mit ihr.
Der strategische Grund wiegt schwerer, und er ist der eigentliche Punkt dieses Artikels. TUXEDO kritisiert, dass Canonical zunehmend eigene, proprietäre Snap-Pakete in den Vordergrund drängt und klassische, offene DEB-Pakete an den Rand drückt. Das Unternehmen schreibt, es werde zunehmend schwieriger, das Snap-Paketsystem aus dem eigenen Betriebssystem herauszuhalten, weil Canonical immer mehr Anwendungen ausschließlich noch als Snap anbietet. Dazu kommt ein dritter Punkt: TUXEDO bezeichnet Canonicals KI-Roadmap als nicht ausreichend transparent, zusammen mit einer aus TUXEDOs Sicht schleppenden Sicherheitsupdate-Politik unter Ubuntu.
Ein App Store, den du nicht verlassen kannst
Um zu verstehen, warum ein einzelnes Paketformat einen ganzen Hersteller zum Distributionswechsel bewegt, hilft ein Bild, das du vom Smartphone kennst. Stell dir vor, dein Handyhersteller könnte jederzeit entscheiden, dass eine App nur noch über einen einzigen App Store installierbar ist, den ausschließlich er selbst betreibt. Kein alternativer Store, kein Download von der Herstellerseite, keine Möglichkeit, die Infrastruktur zu wechseln, ohne die App komplett zu verlieren. Genau das ist der Unterschied zwischen Snap und dem klassischen DEB-Paket.
DEB-Pakete kann jede Distribution, jedes Drittanbieter-Repository und im Zweifel auch du selbst bereitstellen. Ein Snap-Paket dagegen läuft über den Snap Store, und den betreibt ausschließlich Canonical. Es gibt keine offizielle Möglichkeit, einen unabhängigen zweiten Snap Store aufzuziehen, anders als etwa bei Flatpak, dem offenen Konkurrenzformat, das mehrere unabhängige Repositories erlaubt. Wenn Canonical also, wie TUXEDO kritisiert, immer mehr zentrale Anwendungen nur noch als Snap ausliefert, hängen selbst Ubuntu-Derivate wie TUXEDO OS für diese Software an Canonicals eigener Infrastruktur, ganz gleich, wie unabhängig ihr Hersteller sonst auftritt.
Zufällig fällt diese Kritik zeitlich in eine Phase, in der Canonical genau dieses Snap-System zusätzlich auflädt. Firmengründer Mark Shuttleworth hat im Juni 2026, auf dem Ubuntu Summit in London, Ubuntu explizit als Betriebssystem für das Zeitalter autonomer KI-Agenten positioniert. Sein zentrales neues Werkzeug heißt Workshop, eine abgeschottete Entwicklungsumgebung, in der KI-Agenten Code ausführen können, ohne Root-Rechte auf dem System zu bekommen. Workshop nutzt für diese Abschottung ausdrücklich das Snap-Paketsystem. Ob TUXEDO seine Kritik direkt als Reaktion auf Shuttleworths Ankündigung formuliert hat, ist durch keine Quelle belegt, die zeitliche Nähe von einem Monat lässt sich nicht als bewiesene Kausalkette verkaufen. Was sich aber belegen lässt: Je mehr Canonical-Funktionen künftig an Snap gekoppelt werden, KI-Sandboxing eingeschlossen, desto schwerer wird es für Distributionen wie TUXEDO OS, sich dieser einen zentralen Abhängigkeit zu entziehen, ohne auf Funktionen zu verzichten. Canonical selbst hat sich zu TUXEDOs Kritik bislang nicht öffentlich geäußert, kein Zitat, keine Gegendarstellung, nichts. Was hier steht, ist TUXEDOs Sicht der Dinge, kein von beiden Seiten bestätigter Tatbestand.
Was der Wechsel für dein TUXEDO-OS-Gerät bedeutet
Wenn du bereits ein TUXEDO-Notebook mit TUXEDO OS nutzt, will ich dir eine Illusion sofort nehmen: Ein bequemes Update von der Ubuntu- auf die Debian-Basis wird es nicht geben. TUXEDO selbst erklärt, ein direkter Wechsel, ein sogenanntes Crossgrade, sei technisch nicht sicher durchführbar. Wer auf die neue Basis will, installiert neu. Einen Migrationsleitfaden für die eigenen Daten hat TUXEDO angekündigt, veröffentlicht ist er zum jetzigen Zeitpunkt, Mitte Juli 2026, noch nicht.
Genauso wenig verfügbar ist die Debian-Beta selbst. TUXEDO spricht von einer ausführlichen Testphase in den kommenden Wochen, ohne konkretes Datum. Falls dir irgendwo begegnet, die Beta sei bereits zum Download bereit: Auf der offiziellen TUXEDO-Downloadseite lagen zum Zeitpunkt der Recherche für diesen Artikel ausschließlich Dateien mit Stand vom 1. Juli, also von vor der Ankündigung. Glaub dieser Behauptung nicht, bevor du sie nicht selbst auf os.tuxedocomputers.com nachgeprüft hast.
Wenn du bei der Ubuntu-Basis bleiben willst, bis sich der Staub gelegt hat, nennt TUXEDO selbst eine Ausweichoption: Kubuntu 26.04. Und wenn du irgendwann zur Debian-Basis wechselst, bringt sie eine technische Neuerung mit, die durchaus praktisch ist: Statt des bisherigen Dateisystems EXT4 wird künftig Btrfs zum Standard, kombiniert mit dem Werkzeug Snapper. Snapper legt vor jedem Paket-Update automatisch einen Schnappschuss deines Systemzustands an, ungefähr wie ein Sicherheitsnetz vor jedem Trapezsprung. Geht ein Update schief, springst du einfach einen Schritt zurück. Wählst du bei der Neuinstallation ein anderes Dateisystem, verzichtest du auf dieses Netz.
Und dann ist da noch die Sorge, die bei jedem Wechsel zu Debian Testing aufkommt: Sicherheitsupdates erreichen diesen Zweig traditionell später als das stabile Debian, weil neue Pakete erst eine gewisse Zeit ohne kritische Fehler in der Vorstufe Unstable überstehen müssen. TUXEDO-Pressesprecherin Annika Litzel hat dazu gegenüber dem Schweizer Portal GNU/Linux.ch erklärt, das Unternehmen betreibe eigene Paket-Repositories und greife bei kritischen Lücken aktiv ein, mit dem Ziel, Fixes innerhalb weniger Stunden nach Verfügbarkeit eines Patches bereitzustellen. Ich sage dir ehrlich, dass diese Zusage bislang nur bei dieser einen Quelle belegt ist, keine zweite Redaktion hat sie unabhängig bestätigt. Ein Versprechen bleibt ein Versprechen, solange niemand sonst draufgeschaut hat.
Lohnt sich TUXEDO-Hardware jetzt noch, wenn du von Windows wegwillst
Wenn du gerade überlegst, mit einem TUXEDO-Gerät von Windows auf Linux umzusteigen, ändert diese Ankündigung an meiner grundsätzlichen Empfehlung nichts. TUXEDO bleibt ein deutscher Hersteller mit Sitz in Augsburg, der seine Geräte überwiegend in Deutschland fertigt und seit über zwanzig Jahren ausschließlich auf Linux setzt, kein Konzern, der Linux nebenbei neben einem viel größeren Windows-Geschäft betreibt. Was sich ändert, ist nur die Frage nach dem richtigen Kaufzeitpunkt.
Wenn du keine Lust auf Beta-Wackeleien hast, kauf jetzt ein aktuelles Gerät auf der noch unterstützten Ubuntu-Basis. Laut TUXEDO lassen sich Bestandsgeräte später ohnehin auf die Debian-Basis migrieren, sobald der Leitfaden vorliegt, du verlierst also nichts, wenn du nicht auf die Beta wartest. Wenn dich dagegen reizt, von Anfang an auf der neuen, kontinuierlich aktuellen Debian-Basis zu arbeiten, und dich ein paar Kinderkrankheiten nicht schrecken, kannst du abwarten, bis die Beta erscheint, und direkt darauf einsteigen. Ich würde für die meisten Menschen, die gerade zum ersten Mal von Windows wegwollen, zur ersten Variante raten. Ein Umstieg ist für sich schon genug Veränderung. Du musst nicht zusätzlich noch Beta-Software testen, während du gerade erst lernst, wie ein Terminal überhaupt aussieht.
Der eigentliche Punkt hinter der Meldung
TUXEDO hätte sich die Kritik an Canonical auch sparen können. Ein einfacher technischer Rebase, offiziell begründet nur mit dem Backporting-Aufwand, hätte niemandem wehgetan und wäre eine Randnotiz geblieben. Stattdessen hat sich ein Hersteller, der wirtschaftlich von einem funktionierenden Linux-Ökosystem abhängt, öffentlich gegen die Zentralisierungstendenzen des größten Ubuntu-Anbieters positioniert. Ungewöhnlich mutig, denn Canonical bleibt trotz allem der Ursprung der Basis, auf der TUXEDO OS bis heute lief.
Was daran für dich als Leser*in dieses Blogs zählt, ist weniger die konkrete Distributionsentscheidung als das Muster dahinter. Du kannst Windows verlassen, dein Google-Konto löschen, WhatsApp deinstallieren und trotzdem in eine neue Abhängigkeit laufen, wenn du glaubst, mit dem Umstieg auf Linux sei das Thema für immer erledigt. Snap-Zwang, zentrale App Stores, KI-Funktionen, deren genaue Datenflüsse ein Anbieter nicht offenlegt: Diese Muster sind nicht an Windows gebunden. Sie tauchen überall dort auf, wo eine einzelne Firma die zentrale Infrastruktur kontrolliert, auf die viele andere angewiesen sind, bei Microsoft genauso wie bei Canonical.
Behalte dieses Muster im Kopf, egal welche Distribution auf deinem Rechner läuft. Wachsamkeit ist kein einmaliger Haken auf einer Umstiegsliste. Sie ist die eigentliche Arbeit.
Wenn du beim Umstieg von Windows zu Linux Unterstützung willst, egal ob mit TUXEDO-Hardware oder auf deinem bestehenden Rechner, oder wenn du bei einem bereits laufenden TUXEDO-OS-System Fragen zur anstehenden Migration hast, begleite ich dich dabei.
Reden wir über deinen Umstieg.
Schreib mir eine E-Mail: Kurz beschreiben, was du vorhast oder was dich beschäftigt. Ich melde mich in der Regel innerhalb eines Werktages. hallo@chrislo.de
Kein Kontaktformular, keine Pflichtfelder, keine Datenspur. Einfach schreiben.