Du hast Google vor Jahren den Rücken gekehrt. Seitdem suchst du mit DuckDuckGo, oder mit Startpage, oder mit Ecosia, weil da wenigstens Bäume gepflanzt werden. Gut so, ehrlich. Nur kamen deine Suchergebnisse die ganze Zeit trotzdem von Microsoft. Oder von Google.

Das ist keine Unterstellung, sondern die Bauweise der halben Branche, und sie steht in den Datenblättern der Anbieter. Es interessiert nur niemanden, weil kaum jemand weiß, dass eine Suchmaschine aus zwei völlig verschiedenen Teilen besteht und dass nur einer davon richtig Geld kostet. Seit dem 30. Juli 2026 ändert sich das zum ersten Mal, und zwar auf Deutsch.

Eine Suchmaschine ist zwei Dinge, und nur eines davon ist teuer

Stell dir eine riesige Bibliothek vor. Hinten steht das Lager mit Millionen Büchern und davor ein Katalog, in dem steht, was wo liegt. Vorne am Tresen sitzt jemand, der dir zuhört, deine Frage versteht und dir die passenden Bücher heraussucht.

Der Katalog samt Lager ist der Suchindex: eine laufend aktualisierte Kopie des Webs, eingesammelt von einem Crawler, also einem Programm, das Tag und Nacht von Link zu Link läuft und Seiten abspeichert. Die Person am Tresen ist die Suchmaschine, die du siehst: Eingabefeld, Ranking, Trefferliste, Datenschutzversprechen.

Eine höfliche, diskrete Person an den Tresen zu setzen, die sich keine Notizen über dich macht, ist vergleichsweise einfach. Das Lager selbst zu bauen und dauerhaft aktuell zu halten, kostet unablässig Rechenzeit, Speicher und Bandbreite. Deshalb betreiben weltweit nur eine Handvoll Unternehmen einen vollständigen Webindex, und deshalb mietet fast jede Google-Alternative ihre Ergebnisse einfach ein.

DuckDuckGo ist ein US-Unternehmen und bezieht seine Treffer überwiegend aus Microsoft Bing. Startpage reicht Google-Ergebnisse anonymisiert durch. Ecosia bezog seine Ergebnisse laut heise bis zuletzt hauptsächlich über die Indizes von Bing und Google. Wer gewechselt hat, hat also den Tresen gewechselt, nicht das Lager. Das war ein echter Gewinn gegen Tracking und Profilbildung, aber es war nie Unabhängigkeit von amerikanischer Infrastruktur. Wenn Microsoft die Preise für den Zugriff verdreifacht oder ihn kündigt, sind alle darauf gebauten Alternativen gleichzeitig weg.

Am 30. Juli ist zum ersten Mal ein europäisches Lager aufgemacht worden

Hinter der Nachricht steht die European Search Perspective, kurz EUSP, ein Joint Venture von Ecosia aus Berlin und Qwant aus Paris. Joint Venture heißt: eine gemeinsame Tochterfirma zweier Unternehmen, hier zu genau je 50 Prozent, angekündigt im November 2024, mit Firmensitz in Paris. Der französische Index dieser Firma ging im August 2025 live, der deutsche jetzt am 30. Juli 2026.

Er umfasst rund eine Milliarde Webseiten. Diese Zahl stammt von Ecosia-Geschäftsführer Wolfgang Oels und wurde von heise wiedergegeben, unabhängig geprüft hat sie niemand, und einen veröffentlichten Vergleichswert zum Google-Index gibt es auch nicht. Ecosia schreibt im eigenen Blog, der Index werde in Europa gehostet und entspreche damit den europäischen Vorschriften einschließlich der DSGVO, also der Datenschutz-Grundverordnung, dem europäischen Datenschutzgesetz. Der Anteil eigener Ergebnisse wird schrittweise hochgefahren, bis Ende 2026 soll die Mehrheit der deutschen Suchanfragen daraus beantwortet werden.

Der Unterschied zu allem, was bisher als Google-Alternative verkauft wurde: Hier liegt das Lager tatsächlich in Europa und gehört tatsächlich zwei europäischen Firmen. Kein US-Konzern kann den Zugang kündigen, kein US Cloud Act greift darauf zu. Der Cloud Act ist das amerikanische Gesetz, das US-Behörden Zugriff auf Daten erlaubt, die ein US-Unternehmen verwaltet, völlig egal, in welchem Land die Server stehen.

Warum es dafür zwei Firmen aus zwei Ländern brauchte

Ecosia hat rund 20 Millionen Nutzer*innen, Qwant rund 6 Millionen. Google hält in Europa knapp 90 Prozent des Suchmaschinenmarkts, auf Mobilgeräten rund 95 Prozent. EUSP selbst rechnet vor, dass 99 Prozent aller europäischen Suchanfragen von zwei Unternehmen beantwortet werden. Vor diesem Größenverhältnis hätte weder Ecosia noch Qwant einen eigenen Index allein finanzieren können, und genau deshalb bauen sie ihn zusammen.

Der interessanteste Teil des Ganzen ist eine Schnittstelle namens Staan, ausgeschrieben Search Trusted API Access Network. Eine Schnittstelle, im Fachjargon API, ist die Stelle, an der ein Programm bei einem anderen Daten abholen darf. Über Staan können Dritte den europäischen Index mitbenutzen: kleinere Suchmaschinen, aber auch europäische KI-Anbieter, die bisher jede einzelne Web-Anfrage bei Google oder Microsoft einkaufen mussten. Aus einem Index für zwei Firmen kann so ein Fundament für ein ganzes europäisches Ökosystem werden. Kann.

Politisch bekommt das Rückenwind aus zwei Richtungen. Der Digital Markets Act, das EU-Gesetz gegen die Marktmacht der ganz großen Plattformen, verpflichtet Google, Ranking-, Anfrage-, Klick- und Anzeigedaten zu fairen Bedingungen an Wettbewerber weiterzugeben. Die EU-Kommission hat im Januar 2026 ein Verfahren eröffnet, um zu klären, ob Google das auch tut. Und das Europäische Parlament hat zum 5. Juni 2026 die Standardsuchmaschine auf seinen Rechnern von Google auf Qwant umgestellt, weil Abgeordnete auf digitale Souveränität gedrängt hatten. Google bleibt dort weiter benutzbar, aber die Voreinstellung ist eine andere.

Und jetzt der Teil, der in keiner Pressemitteilung ganz oben steht

Ecosias Anzeigen laufen weiter über Google Adsense und das Microsoft Advertising Network. Die Ergebnisse kommen zunehmend aus Europa, das Geld kommt weiterhin aus Mountain View und Redmond. Ob und wann sich das ändert, hat bisher niemand gesagt.

Für eine Firma, deren Existenzberechtigung die Unabhängigkeit von zwei amerikanischen Konzernen ist, ist das eine unbequeme Fußnote. Der Werbemarkt in Europa gehört denselben zwei Anbietern wie der Suchmarkt, und wer daraus aussteigt, verliert erst einmal Umsatz. Der Index war der teure Schritt und ist gemacht. Die Werbevermarktung ist der unbequeme Schritt, und der steht noch aus.

Dazu kommt eine Verzögerung, die man kennen sollte. Laut heise vom 17. Dezember 2025 sollte bereits bis Ende 2025 rund ein Drittel der deutschen Anfragen aus dem eigenen Index kommen. Tatsächlich ging der deutsche Index sieben Monate nach diesem Zieldatum überhaupt erst in Betrieb, eine offizielle Begründung dafür gibt es nicht. Und für den Starttag nennt weder Ecosia noch heise eine Prozentzahl, die Formulierung lautet nur, man fahre den Anteil nach und nach hoch. Auch getestet, ob die deutschen Ergebnisse aus dem europäischen Index qualitativ mit Google mithalten, hat bis jetzt niemand.

Wer also gehofft hat, dass hier am 30. Juli ein fertiges Google-Gegenstück ans Netz gegangen ist, wird enttäuscht. Was ans Netz gegangen ist, ist der erste eigene Webindex, den Europa seit Jahren aufgebaut bekommen hat, in einer frühen Ausbaustufe und mit einer weiterhin offenen Flanke bei der Finanzierung.

„Ist doch egal, wo die Ergebnisse herkommen, Hauptsache sie sind gut“

Das ist das übliche Gegenargument, und es klingt vernünftig. Wenn Bing gute Treffer liefert und DuckDuckGo mich dabei nicht ausspäht, warum sollte mich interessieren, wessen Lager im Hintergrund steht?

Weil du in dem Moment keinerlei Verhandlungsmacht hast. Eine Suchmaschine ohne eigenen Index ist ein Untermieter mit monatlicher Kündigungsfrist. Sie kann jederzeit teurer werden, sie kann Ergebnisse geliefert bekommen, die nach fremden Regeln sortiert oder gefiltert sind, und sie kann von heute auf morgen vor der Tür stehen, ohne dass irgendjemand in Europa etwas dagegen tun könnte. Genau das ist beim Suchen dasselbe Muster wie beim Betriebssystem, beim Office-Paket und beim Cloud-Speicher: Der bequeme Weg endet immer bei denselben drei bis vier Konzernen, und jeder Einzelfall wirkt für sich genommen harmlos.

Umstellen dauert zwei Minuten, auf dem Handy drei

In Firefox gehst du auf Einstellungen, dann Suche, dann Standardsuchmaschine, und wählst dort Ecosia oder Qwant aus. Ab diesem Moment landet auch alles, was du oben in die Adresszeile tippst, bei der neuen Suchmaschine. In Chrome und Edge heißt der Punkt in den Einstellungen schlicht Suchmaschine und funktioniert genauso.

Auf dem Smartphone ist die Voreinstellung fast immer Google, und dort steckt sie an zwei Stellen. Die eine ist der Browser, den du benutzt, und dort findest du denselben Einstellungspunkt wie am Rechner. Die andere ist die fest eingebaute Google-Suchleiste auf dem Startbildschirm vieler Android-Geräte, die sich davon nicht mit ändert. Wenn du die loswerden willst, installier dir die App von Ecosia oder Qwant und leg sie an genau die Stelle, an der bisher die Google-Leiste war. Nach drei Tagen greifst du automatisch dorthin.

Für Vereine und kleine Firmen lohnt sich der Blick auf die Arbeitsplätze: Die Standardsuchmaschine lässt sich im Browserprofil zentral setzen, dann muss sie niemand einzeln umstellen und sie überlebt auch die nächste Neuinstallation. Und wer eine eigene Website betreibt, sollte im Hinterkopf behalten, dass ab jetzt ein zweiter, europäischer Crawler durchs Netz läuft, dessen Ergebnisse für die eigene Auffindbarkeit mit der Zeit wichtiger werden.

Meine Empfehlung, ohne Rückversicherung

Nimm Ecosia. Ein Berliner Unternehmen, Miteigentümer des Index, ab sofort mit wachsendem Anteil eigener europäischer Ergebnisse, und der Gewinn fließt in Klimaprojekte statt in Aktienrückkäufe. Qwant ist der gleichwertige zweite Weg, gleicher Index, gleicher Eigentümeranteil, seit Juni Standard im Europäischen Parlament, nimm es, wenn dir die Oberfläche besser gefällt.

Was ich nicht mehr empfehle: DuckDuckGo und Startpage als Dauerlösung. Beide sind besser als die Google-Suche im Google-Konto, beide schützen deine Anfragen vor Profilbildung, und beide ändern an der eigentlichen Abhängigkeit exakt nichts. Wenn du dir schon die Mühe machst, deine Voreinstellung zu ändern, dann ändere sie in Richtung eines Index, der in Europa steht.

Google hat seine 90 Prozent nicht, weil Google unschlagbar wäre, sondern weil Voreinstellungen praktisch nie geändert werden. Deine dauert zwei Minuten.

Wenn du das nicht nur für dich, sondern für einen ganzen Verein, ein Büro oder eine Praxis machen willst, also Standardsuchmaschine, Browserprofile, Tracking-Schutz und Schritt für Schritt der ganze Rest weg von Google, dann quetsch das nicht zwischen zwei Termine. Genau dafür bin ich da: Ich stelle Arbeitsplätze auf europäische Dienste um, richte die Voreinstellungen so ein, dass sie halten, und erkläre den Leuten, die damit arbeiten, warum sich das lohnt.

Reden wir über deinen Google-Ausstieg.

Schreib mir eine E-Mail: Kurz beschreiben, was du vorhast oder was dich beschäftigt. Ich melde mich in der Regel innerhalb eines Werktages. hallo@chrislo.de

Kein Kontaktformular, keine Pflichtfelder, keine Datenspur. Einfach schreiben.